Vorabdruck. Dem Trend, Gewalt zu einer menschlichen Konstante zu erklären, muss man bereits auf der Ebene der Begriffe begegnen. Frieden denken unter Bedingungen des Krieges
Krieg erscheint in der gegenwärtigen politischen Öffentlichkeit zunehmend als ein Zustand, an den man sich zu gewöhnen habe. Er wird als unausweichliche Begleiterscheinung internationaler Politik dargestellt, als notwendige Reaktion auf (vermeintliche) Bedrohungen, als Mittel der Abschreckung oder gar als Instrument zur Sicherung von Frieden, Ordnung und Menschenrechten. Diese Normalisierung des Krieges vollzieht sich nicht nur auf der Ebene militärischer Praxis, sondern vor allem auf der Ebene der Begriffe. Krieg gilt als realistisch, Frieden dagegen als naiv, moralisch überhöht oder politisch verantwortungslos.
Auffällig ist dabei weniger die offene Kriegsrhetorik als vielmehr die gleichzeitige Verarmung des Friedensbegriffs. Frieden erscheint häufig nur noch negativ, als bloße Abwesenheit akuter Kampfhandlungen, oder funktional, als Ergebnis militärischer Durchsetzung bestimmter Ordnungsmodelle. Wo Frieden so verstanden wird, verliert er seinen kritischen Gehalt. Er wird nicht mehr als gesellschaftliches Verhältnis begriffen, sondern als technisches Resultat richtiger Machtanwendung. Frieden wird von einer Frage der gesellschaftlichen Vernunft zu einer Frage der militärischen Effizienz umgedeutet.
Vor diesem Hintergrund ist es notwendig, den Friedensbegriff selbst wieder zum Gegenstand theoretischer Reflexion zu machen. Nicht, um ihn moralisch aufzuwerten oder gegen jede Form politischen Konflikts auszuspielen, sondern um ihn aus der Umklammerung jener Debatten zu lösen, die Krieg als alternativlos darstellen.
