Zur Strategie hinter dem Iran-Krieg: Die USA wollen eine multipolare Welt verhindern und Versorgungswege weltweit kontrollieren – und damit auch ihre Verbündeten
Seit dem 28. Februar führen die USA und Israel Krieg gegen Iran. Die Bilder sind vertraut: brennende Raffinerien, gesperrte Meerengen, ein US-Militär, das Raketen verschießt und Verhandlungsangebote macht. Die westliche Deutung ist ebenso vertraut: Washington hat die Kontrolle verloren, ist in einen Konflikt hineingezogen worden, den es nicht wollte, und zahlt nun den Preis für jahrzehntelange Nahostpolitik. Diese Lesart greift zu kurz. Sie verwechselt Strategie mit Kontrollverlust. Denn der Krieg gegen den Iran ist ein Instrument. Er bedient drei globale Hegemonialinteressen der USA zugleich: Er zwingt Verbündete in eine neue imperiale Arbeitsteilung, macht Konkurrenten über die Reglementierung des Zugangs zu Energieträgern verwundbar, und er liefert dem US-Militär das Lernfeld, das es für den Paradigmenwechsel von der Plattform- zur Wirkmittelkriegführung braucht.
Festung mit Vorbauten
Das analytische Schlüsselkonzept ist die Festung. Festung Amerika: ein gesicherter Kernraum, abgeschirmt durch die »Monroe-Doktrin« in neuer Fassung, durch die projektierte Raketenabwehr »Golden Dome« und nordamerikanische Energieautarkie. Davor die vorgelagerten Außenwerke – Europa, Japan, Südkorea, Taiwan, Israel. Der Iran-Krieg ist das operative Scharnier dieses Übergangs. Er schnürt Verbündete und Konkurrenten gleichermaßen von den Energieträgern aus der Region um den Persischen Golf ab – und zwingt beide in Abhängigkeiten, deren Bedingungen Washington diktiert.
Diese Festungslogik ist kein Rückzug aus der Weltpolitik, sondern ihre Neuorganisation. Der Anspruch auf globale Vorherrschaft bleibt in den strategischen Dokumenten der Trump-Regierung unvermindert präsent – nur die Sprache hat sich verändert. Die im November 2025 veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) benennt als Ziele »anhaltende wirtschaftliche Dominanz und militärische Überlegenheit«. Die Nationale Verteidigungsstrategie (NDS) vom Januar 2026 beschreibt China als »mächtigsten Staat relativ zu den USA seit dem 19. Jahrhundert«. Europa wird darin unter dem Begriff der Selbstverteidigung in die militärische Frontstellung gegen Russland gedrängt – Washington gibt die strategische Richtung vor, lässt aber die Außenwerke die Last tragen. Der Begriff »Full-spectrum dominance« (»umfassende Überlegenheit«) aus dem Programmpapier »Joint Vision 2020« ist verschwunden; das Council on Foreign Relations spricht in seinem 2026 erschienenen Bericht »America Revived« statt dessen von »Primacist grand strategy« (»auf Dominanz angelegte Großstrategie«). Multipolarität ist darin das zu verhindernde Szenario.
