Über politische Sprache, Propaganda und mediale Kriegsvorbereitung. Ein Gespräch mit Sabine Schiffer
Sie befassen sich seit vielen Jahren mit Sprache und Medien. Als Professorin forschen und unterrichten Sie in Frankfurt am Main auch zum Verhältnis von PR und Journalismus. Was hat Sie vom Studium der Sprache als solche zu diesen Themenfeldern geführt?
Ich habe zunächst Linguistik studiert und war von der Semiotik fasziniert, also davon, wie Zeichen – Sprache und Bilder – Aufmerksamkeit steuern und Wirklichkeitskonstruktionen schaffen; und das besonders wirkmächtig über Medien. Durch meine Magisterarbeit zum Islambild in den französischen Medien bin ich vom Glauben abgefallen, was Neutralität von Medien anbelangt. Die Analyseergebnisse meiner Dissertation für die deutschen Medien sind vergleichbar. Das analysierte Feindbild Islam lässt sich in den Diskursen um den Nahostkonflikt nachverfolgen und treibt dort nicht nur mediale Blüten, sondern tödliche Narrative. Wobei unsere Medien sich nicht nur da auf eine Seite schlagen, statt einen aufgeklärt-kritischen Diskurs aus der Position eines Dritten zu verfolgen.
Vermutlich auch deshalb haben Sie 2005 das Institut für Medienverantwortung, kurz IMV, gegründet. Womit befasst sich die Einrichtung?
Wir betreiben Medien- sowie Diskursanalyse und bieten die Erkenntnisse in Fortbildungen für Journalisten, in Medienbildungsseminaren für Schulen, in öffentlichen Veranstaltungen und Publikationen an. Da Media Literacy (die Fähigkeit, Medien zu nutzen, zu analysieren sowie kritisch zu reflektieren, jW) als Grundlage für unabhängige Meinungsbildung in einer demokratischen Gesellschaft zentral ist, setzt sich das IMV für ein Studien- und Schulfach »Medienbildung« ein. Dem war auch unsere Konferenz zum 20jährigen Bestehen gewidmet.
In Ihrem Buch »Medienanalyse« gebrauchen Sie den Begriff »ritualisierte Berichterstattung«. Was meinen Sie damit?
Dabei geht es um etablierte Diskursrituale, die kaum noch auffallen, weil man daran gewöhnt ist. Dazu gehört selbstverständlich der Nahostdiskurs, wo beispielsweise beim Ausscheren aus den üblichen Frames sofort ein Antisemitismusverdacht im Raume steht. Das ist ein lange einstudiertes Ritual, das seine Ursprünge in der strategischen Kommunikation von Thinktanks hat und nicht etwa in einer deutschen Geschichtsaufarbeitung. Auch der sogenannte Islamdiskurs, der wenig vom Islam handelt, gehört dazu mit Attributen wie »Gewaltaffinität«, »Rückständigkeit« und »Frauenverachtung«, was es in der vielfältigen »islamischen Welt« ohne Zweifel gibt, wie auch anderswo – allein die Spezifik fehlt. Die Zuweisung gehört zum Ritual der Selbstidealisierung.
So glauben heute viele Deutsche, wir hätten die Schoah aufgearbeitet, Antisemitismus sei ein »eingewandertes« Problem und Rassismus gäbe es gar nicht mehr. Das hat alles nichts mit der Realität zu tun, wie die Mitte-Studien verraten. Aber wenn sogar führende Politiker solche Narrative instrumentalisieren, bräuchte man kritische Medien, die das im Sinne einer vierten Gewalt aufdecken – idealtypisch. Ein aktuelles Beispiel ist der herrliche Euphemismus »kapitalgedeckte« Rente, der in Wirklichkeit »Börsenspekulation« bedeutet. Wir haben eine ganze Liste von solchen Neusprechbegriffen erstellt, die verschleiern sollen. Etwa wenn die EU von der »Harmonisierung von Fähigkeiten« schwadroniert, geht es um den Kauf kompatibler Waffengattungen für die Aufrüstung.
