Rede von Jan am 7. Februar 2026
Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde,
Stuttgart gilt nicht als schöne Stadt. Obwohl ich selbst nie fand, dass das so wirklich stimmt, muss ich sagen, dass ich vielerorts nicht widersprechen will. Denn seit ein paar Monaten wird unsere Stadt umdekoriert. Nicht mit mehr Grün, nicht mit neuen Jugendzentren oder sanierten Schulen – sondern mit Militärwerbung. Überall wird neuerdings für die Bundeswehr geworben. An Bushaltestellen, an Bahnhöfen, auf riesigen Plakatwänden. Als Jugendlicher solle man „tun, was wirklich zählt“. Gewaltige Werbeplakate werben für ein „dein Jahr für Deutschland“. Weil man bei der Bundeswehr „wichtig“ ist.
Für einen Jugendlichen, ist das natürlich erstmal grundlegend interessant. Der Führerschein wird einem bezahlt, der Lohn ist vergleichsweise gut, und die Plakate geben einem das Gefühl, man würde mit einem Wehrdienst bei der Bundeswehr seinem Land einen großen Dienst erweisen. Sie versprechen Sinn, Anerkennung und Sicherheit – genau das, was vielen jungen Menschen heute fehlt. Und genau das ist kein Zufall.
Denn diese scheinbare Attraktivität liegt auch daran, dass es für Jugendliche im Spätkapitalismus kaum noch echte Perspektiven gibt. Die Wirtschaftskrisen, die früher einmal alle paar Jahre vielen Menschen das Leben schwer machten, sind zu einem Dauerzustand geworden. Krise ist nicht mehr die Ausnahme, sie ist die Normalität. Es gibt zu wenige Ausbildungsplätze, Krankenhäuser und Schulen fallen auseinander, Klassen sind überfüllt, Lehrer überarbeitet. Das Wirtschaftswachstum stagniert, während die Lebenshaltungskosten explodieren.
Viele Jugendliche wissen ohnehin nicht, was sie nach der Schule machen sollen. Viele können sich ein Studium nicht leisten, und selbst diejenigen, die studieren, finden oft keinen Arbeitsplatz, der ihren Qualifikationen entspricht. Gleichzeitig erleben wir, wie Jobs durch künstliche Intelligenz automatisiert werden und deutschlandweit über 100.000 Stellen gestrichen werden. Das geht nicht spurlos an der Jugend vorbei. Die Jugend hat Angst. Angst vor sozialem Abstieg, vor Unsicherheit, vor einer Zukunft, die immer enger wird.
Die Herrschenden in diesem Land haben natürlich nicht vor, diese Krise selbst auszutragen. Dafür gibt es ja zum Glück genug arme und arbeitende Menschen. Wir müssen uns nichts vormachen: So viel in den Medien auch darüber geschwadroniert wird, Deutschland müsse sich verteidigen, Russland bedrohe uns – wenn Krieg vorbereitet wird, dann wird Krieg gesucht. Wer sich so ein riesiges Militär leistet, der wird es auch einsetzen wollen. Und Merz hat schon oft proklamiert, Deutschland solle die größte konventionelle Streitmacht Europas aufbauen.
Doch dieses Militär wächst nicht im luftleeren Raum. Das Geld dafür wird aus dem Gesundheitssystem gepresst, aus dem Bildungssystem, aus dem Sozialstaat. Alles wird gekürzt, zusammengestrichen, kaputtgespart, bis nichts mehr übrig bleibt. Und am besten hetzt man noch gegen Arbeitslose oder Geflüchtete – denn die können sich am wenigsten wehren und eignen sich hervorragend als Spaltkeil innerhalb der Bevölkerung.
Doch um die größte konventionelle Streitmacht Europas aufzubauen, braucht es mehr als hunderte Milliarden Euro. Es braucht vor allem das, was gerade in der Ukraine zur Neige geht: Menschen.
Menschliches Material. Menschliches Kanonenfutter. Krieg kostet zwar auch viel Geld, doch er muss in allererster Linie mit Blut bezahlt werden.
Wie gnädig wirkt es da zunächst, dass unsere Bundesregierung auf Freiwilligkeit setzt. Dass jeder Jugendliche „freiwillig“ sein Leben für deutsche Profitinteressen geben soll. Doch das Perfide an der ganzen Sache ist offensichtlich: Frei nach dem Motto „Mach es freiwillig – sonst zwingen wir dich“ hat die Regierung bereits angekündigt, dass die Wehrpflicht prompt wieder eingeführt wird, sollten sich nicht genug junge Menschen melden. Erst nimmt man der Jugend jede Perspektive, dann bereitet man Kriege vor, bittet uns, dafür zu sterben – und wenn wir nicht wollen, werden wir gezwungen. Das ist nicht Freiheit. Das ist Erpressung.
Doch das Fass beginnt überzulaufen.
Die Jugend beginnt aufzustehen.
Schüler in 95 Städten haben sich zusammengeschlossen und sind gemeinsam auf die Straße gegangen. Am 05. Dezember 2025, als das Merz-Regime das sogenannteWehrpflichtmodernisierungsgesetz beschlossen hat, sind 55.000 Schüler in ganz Deutschland auf die Straße gegangen. Sie haben Nachsitzen, Verweise und Strafarbeiten in Kauf genommen. Viele von ihnen waren noch nie zuvor auf einer Demonstration.
Was wir hier erleben, sind keine kleinen Unruhen. Was hier entsteht, sind die Anfänge einer breiten, selbstbewussten Jugendbewegung gegen Aufrüstung und Militarisierung. Auch hier in Stuttgart waren über 1.000 Schüler auf den Straßen. Und wir tun gerade alles dafür, dass es beim nächsten Schulstreik am 05. März 2026 2.000 werden – und beim darauffolgenden 4.000.
Doch wir brauchen dafür auch eure Hilfe. Es reicht nicht, wenn wir Schüler auf der Straße sind, es braucht auch die Unterstützung von Lehrerinnen und Lehrern und Eltern. In vielen Städten haben sich schon Organisationen, wie “Eltern gegen die Wehrpflicht” und “Lehrerinnen und Lehrer gegen die Wehrpflicht” gebildet. Die, die Streiks unterstützen. Sei es beim Plakatieren, sei es in der Schulkonferenz oder beim Elternabend. Lehrer haben uns auch geholfen, Flyer für den letzten Schulstreik zu drucken und dafür sind wir ihnen dankbar.
In den Kasernen wollen die Herrschenden uns blinden Gehorsam und das Töten beibringen. Auf den Streiks lernen wir etwas anderes: Ungehorsam. Widerstand. Solidarität. Wir lernen, dass die Interessen der Herrschenden nicht unsere Interessen sind, weil wir nicht bereit sind, für ihre Kriege zu sterben. Wir lernen, dass man manchmal Regeln brechen muss, um für sich selbst und füreinander einzustehen, wenn wir auf die Straße gehen, obwohl uns mit Nachsitzen gedroht wird.
Wir lernen Solidarität, wenn wir Repression erleben und uns gegenseitig den Rücken stärken, wie wenn den Schülern vom Eschbachgymnasium ein Bußgeld von ihrem Schulleiter verhängt wird und wir eine Petition teilen, sie zu unterstützen. Und wir lernen, dass keine Wahl, kein Kreuz auf einem Stimmzettel, uns den Frieden bringen wird.
Allen Politikern, Lehrern und Rektoren, die uns vom Streiken abhalten wollen, die sagen, es sei die Aufgabe der Schüler zu lernen, sagen wir: Auf den Schulstreiks lernen wir mehr, als ihr uns in 13 Jahren Schule beizubringen versucht habt. Wir lernen, selbst zu denken. Wir lernen, uns zu organisieren. Und wir lernen, nicht auf euch zu hören, wenn ihr uns in den Krieg führen wollt.
Die Herrschenden wollen Krieg.
Die Jugend will eine Perspektive.
Vielen Dank.
