Frieden wählen! – Friedenserziehung

Rede von Annemarie Raab am 7. Februar 2026

Es gilt das gesprochene Wort.

Meine Rede beginne ich mit 6 positiven Themen, die eng mit dem Kultusministerum (KM) verbunden sind. Ich gehe davon aus, dass sie auch in der nächsten Legislaturperiode des noch zu wählenden Landtages Bestand haben wird.

Ansonsten haben wir arbeitsreiche Jahre vor uns.

Danach folgen 3 Themenbereiche, bei denen Handlungsbedarf und solidarisches Handeln erforderlich ist.

1. Ulli-Thiel-Friedenspreis

Dieser Friedenspreis wird jedes Jahr für Bildungseinrichtungen ausgeschrieben. Ein bunter Strauß von phantasievollen Einreichungen aus allen Schularten zum Thema Frieden macht es der Jury nicht einfach. Die Preisverleihung ist jeweils ein besonderes Highlight und ein klares Zeichen für den Frieden.

Im vergangenen Sommer haben zwei Stuttgarter Grundschulen einen Preis erhalten. Die Kinder der Wilhelm-Hauff-Schule haben ein gemeinsames Kunstwerk gestaltet, dies hängt jetzt für alle sichtbar im Foyer der Schule.

Die Kinder der Vorbereitungsklasse an der Falkertschule haben das Bilderbuch „Das Sonnenblumenschwert“ in einem Theaterstück umgesetzt.

Das sind hoffnungsvolle Zeichen.

Das KM informiert über ihre Wege die Schulen und motiviert zur Teilnahme. Ebenso nimmt jedes Jahr eine Vertretung des KM an der Preisverleihung teil. Ich kann alle nur auffordern teilzunehmen. Zur Erinnerung: Ulli Thiel war eine Sonderschullehrer und hat 1982 die legendäre Menschenkette von Stuttgart nach Ulm gegen den Nato Doppelbeschlusses organisiert. Das damalige WIR-Gefühl spüre ich heute noch.

2. Kooperationsvereinbarung Schule und Bundeswehr Status Quo beibehalten oder verbessern

Seit dem Jahr 2009 gibt es in Baden-Württemberg eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Kultusministerium und der Bundeswehr. Unterschrieben vom damaligen Kultusminister Helmut Rau und Generalmajor Gert Wessel.

Dazu schrieb das KM 2009:
„Kaum eine andere große Frage bewegt junge Menschen so sehr wie die von Krieg und Frieden. Schülerinnen und Schüler drängen im Unterricht auf Informationen und Erklärungen, sie sind wissbegierig, meinungsfreudig und diskussionsbereit. Sie sollen sich ein ausgewogenes Bild zu Fragen von Sicherheitspolitik und Friedensstrategien machen können.“

Das ist immer noch so.

Auch wenn diese Vereinbarung aus dem Jahre 2009 ausdrücklich nicht dazu dienen sollte, für Tätigkeiten innerhalb der Bundeswehr zu werben, war die GEW und die Vertreter*innen der Friedensorganisationen damit nicht zufrieden.

Es fehlte das ausgewogene Bild.

Wahlen können entscheidend sein, so auch die Wahl von 2011. Es begann in Baden-Württemberg eine neue politische Ära. Und es gelang eine veränderte Kooperationsvereinbarung abzuschließen. Am 14. August 2014 wurde zwischen dem Kultusministerium und der Bundeswehr eine weiterentwickelte Vereinbarung zur Zusammenarbeit geschlossen. Zahlreiche Gespräche mit Vertretern der Bundeswehr aber auch mit Vertreter*innen derFriedensorganisationen wurden geführt. Diesmal folgte die Übereinkunft den Prinzipien des Beutelsbacher Konsenses.

In dieser Vereinbarung wird stärker herausgestellt, dass die sicherheitspolitische Bildung in den Schulen unter Beteiligung der Jugendoffiziere der Bundeswehr ausgewogen angelegt sein muss. Zudem wird neu festgelegt, dass die Teilnahme angehender Lehrerinnen und Lehrer an Seminaren der Bundeswehr freiwillig ist. Die Vereinbarung verstärkt auch den Hinweis auf die Grundsätze des Beutelsbacher Konsenses als anerkannte Grundlage für die politische Bildungsarbeit.

Auch Friedensorganisationen können an die Schule eingeladen werden.

Besonders hervorheben möchte ich diesen Punkt: Gesellschaftlich kontrovers diskutierte Themen müssen auch im Unterricht kontrovers erscheinen.

3 Begriffe für den Beutelsbacher Konsens aus den 70er Jahren:

Überwältigungsverbot – Was in Wissenschaft und Politik kontrovers ist, muss auch im Unterricht kontrovers erscheinen
Der Schüler, heute würden wir sagen der/die Jugendliche, muss in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und seine eigene Interessenlage zu analysieren.

Dies Erreichte muss auch unter der neu zu wählenden Landesregierung beibehalten werden. Davon werden wir nicht abweichen.

3. Bildung- und Erziehungsauftrag zur Friedensfähigkeit

Der momentane Bildungsplan geht auf das Jahr 2016 zurück. Aber die Grundlage war vielleicht auch die Initiative von 166Lehrkräften aus Böblingen, die eine Erklärung zur Friedensbildung unterschrieben haben. An sie sie erinnert, denn sie haben damals massiven Ärger bekommen. Verstoßen hätten sie gegen das Mäßigungsverbot.

Die Inhalte lassen sich in den Leitperspektiven, im Bildungsplan und im Leitfaden Demokratiebildung finden. Dem Bildungsplänen aller Schularten wurden 6 Leitperspektiven vorangestellt..

3 Leitperspektiven sind für die Friedensbildung relevant.

  • Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)
  • Bildung für Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt (BTV)
  • Prävention und Gesundheitsförderung (PG)

BNE – Zitat:

“Bereitschaft zum Engagement und zur Verantwortungsübernahme, Umgang mit Risiken und Unsicherheit, Einfühlungsvermögen in Lebenslagen anderer Menschen und solide Urteilsbildung in Zukunftsfragen.
Bildung für nachhaltige Entwicklung befähigt Schülerinnen und Schüler, als Konsumenten, im Beruf, durch zivilgesellschaftliches Engagement und politisches Handeln einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten zu können. Es geht daher nicht allein darum, auf die existenten Problemlagen reagieren zu können, sondern vor allem darum, vorausschauend mit Zukunft umzugehen sowie an innovativen Lebens- und Gesellschaftsentwürfen mitzuwirken, die einen zukunftsweisenden und verantwortlichen Übergang in eine nachhaltige Welt möglich machen.“

BTV – Zitat

„Kernanliegen der Leitperspektive ist es, Respekt sowie die gegenseitige Achtung und Wertschätzung von Verschiedenheit zu fördern. Die Leitperspektive zielt auch auf die Fähigkeit der Gesellschaft zum interkulturellen und interreligiösen Dialog und zum dialogorientierten, friedlichen Umgang mit unterschiedlichen Positionen bzw. Konflikten in internationalen Zusammenhängen. Erziehung zum Umgang mit Vielfalt und zur Toleranz ist damit auch ein Beitrag zur Menschenrechts- und Friedensbildung und zur Verwirklichung einer inklusiven Gesellschaft.“

PG – Zitat

„Zentrale Lern- und Handlungsfelder sind: Selbstregulation: Gedanken, Emotionen und Handlungen selbst regulieren; ressourcenorientiert denken und Probleme lösen; wertschätzend kommunizieren und handeln; lösungsorientiert Konflikte und Stress bewältigen; Problemsituationen sollen konstruktiv, kreativ, aber auch kritisch analysiert werden, Entscheidungen auf der Grundlage von Werten, Regeln und Normen getroffen sowie auf der Handlungsebene umgesetzt werden können.“

Ich nenne nur einige Begriffe die dies konkretisieren.

  • Bedeutung und Gefährdungen einer nachhaltigen Entwicklung
  • Werte und Normen in Entscheidungssituationen
  • Teilhabe, Mitwirkung, Mitbestimmung, Demokratiefähigkeit
  • Friedensstrategien

4. Der Leitfaden Demokratiebildung

An alle Schulen ging dieser Leitfaden. Auch hier zitiere ich wieder daraus, da es treffend zusammengefasst wurde.

„Wie kann man Konflikte lösen? Die SuS können eigene Vorstellungen für konstruktive Konfliktlösungen entwickeln. Möglichkeiten zur Streitschlichtung in der Schule; Akteure und Prozesse in der Konfliktbearbeitung am Arbeitsplatz; Entwicklung von Kompromissen und/oder Regeln für Gruppen und in der Gesellschaft, Regeln und Mechanismen zur Kompromissfindung und Konfliktlösung auf unterschiedlichen politischen Ebenen; Friedensbildung als Aufgabe zivilgesellschaftlicher, nationaler, europäischer, internationaler und globaler Initiativen und Organisationen Grundrechte als Basis für ein selbstbestimmtes Leben, Gerechtigkeit und gesellschaftlichen Frieden; Schutz vor staatlichen Eingriffen“

Dem ist kaum mehr was hinzuzufügen. Es geht nur noch um die Umsetzung an den Schulen.

5. Eine besondere Errungenschaft ist die Servicestelle Friedensbildung.

Sie hat im vergangenen Jahr ihr 10-jähriges Bestehen gefeiert. Andere Bundesländer nehmen sich diese Servicestelle Friedensbildung als Vorbild. Beratung, Materialien, Veranstaltungen und Workshops rundum die Themen der Friedensbildung, Frieden, Krieg, Gewalt, Konflikte; Workshops zur Demokratie- und FriedensbildungEin Besuch auf der Webseite lohnt sich.

Nach den Faschingsferien wird es auch einen Fortbildungstag für die Grundschullehrkräfte geben.

6. Die 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals, SDG s)

wurden 2015 von der Weltgemeinschaft im Rahmen der Agenda 2030 verabschiedet.

Hier sind die Ziele:

Das ist eine weltweite Handlungsanweisung und Verpflichtung. In der Leitperspektive BNE findet sich vieles von den 17 Zielen wieder. Ich greife 5 Punkte heraus.

  • Keine Armut: Armut in allen Formen und überall beenden.
  • Hochwertige Bildung: Inklusive, gerechte und hochwertige Bildung gewährleisten.
  • Weniger Ungleichheiten: Ungleichheit innerhalb und zwischen Ländern verringern.
  • Maßnahmen zum Klimaschutz: Dringende Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels ergreifen.
  • Friedliche und inklusive Gesellschaften: Friedliche und inklusive Gesellschaften für nachhaltige Entwicklung fördern.

Bis hier sind es Punkte, die wir gemeinsam erreicht haben, die wir beibehalten sollen und sicherlich uns dafür gemeinsam darum kümmern müssen, dass wir dies beibehalten können. Da sind wir uns bisher einig mit dem KM.

Die Grundlage und der Auftrag für eine Friedenserziehung an der Schule ist gegeben. Es geht um die Umsetzung. Bei den weiteren Punkten sind wir nicht ganz einer Meinung.

7. Schülerstreik

Die AG Friedensbildung der GEW befürwortet den Streik der Schüler*innen am 5.3.2026Ich würde mir wünschen, dass die Schulleitungen mit den streikenden Jugendlichen in einen sachlichen und durchaus kontroversen Austausch mit den Schüler*innen gehen.

Klassenarbeiten und Tests sollten an diesem Zeitpunkt nicht geplant werden. Pädagogisches Handeln ist präventives Handeln. Sind hier tatsächlich Sanktionen notwendig?

Denn eines steht fest, unsere Jugendlichen dürfen ab 16 Jahre am 08. März wählen. Sie wurden jedoch in diesen wesentlichen Entscheidungsprozess nicht eingebunden. Die Bundesregierung hätte einmal die Handreichung zur Demokratiebildung des KM lesen sollen. Eine Partizipation hat nicht stattgefunden.

Die Jugendlichen melden sich mit 4 zentralen Themen zu Wort:

  • Die Bundeswehr will an unseren Schulen werben. Wir wollen Friedensbildung!
  • Rheinmetall will, dass die Aktien weiter steigen. Wir wollen Geld für Bildung und Soziales!
  • Merz will, dass die Bundeswehr die größte Armee Europas wird. Wir wollen Frieden!
  • Pistorius will, dass wir kriegstüchtig werden. Wir wollen eine Zukunft!

Diesen 4 zentralen Aussagen, was sie wollen, kann ich nur zustimmen.

8. Als Pädagogin lehne ich die Erziehung zur Kriegstüchtigkeit vollumfänglich ab.

Stattdessen lege ich Wert auf die Umsetzung und Einbindung der Leitperspektiven. Friedensbildung an den Schulen ist möglich und ausdrücklich erwünscht. Aus diesem Grund sehe ich den Tag für den Krisen- und Katastrophenschutz in der 6. Klasse kritisch.9. Zu guter Letzt noch ein Wort zum Geld.

Geld ist genug vorhanden.

Investieren in die Bildung statt Rüstungsausgaben, das ist totes Geld. Wir wollen Geld für Bildung und Soziales. Nehmen wir diesen Bildungs- und Erziehungsauftrag ernst. Erziehen wir zum Frieden. Schauen wir uns genau die Wahlprogramme an, um unsere Kreuze zu setzen.

Wünschen wir den Jugendlichen einen effektiven, kontroversen Gemeinschaftskundeunterricht und Schulen, in denen die Leitperspektiven gelebt werden, damit sie verantwortungsvoll mit ihrem Wahlrecht ab 16 am 08.03.2026 umgehen können.